Gutachten zur gesamtwirtschaftlichen Lage der Bundesrepublik Deutschland
Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, auch bekannt als „Wirtschaftsweisen“, ist ein Gremium aus Wirtschaftsexpertinnen und –experten und hat die Aufgabe, aus unabhängiger Sicht eine periodische Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland vorzulegen. Damit trägt der Sachverständigenrat maßgeblich zur Entscheidungsfindung unserer (wirtschafts-)politischen Verantwortlichen aber auch zur Urteilsfindung der Öffentlichkeit bei.
Das aktuelle Gutachten mit dem Titel „Transformation gestalten: Bildung, Digitalisierung und Nachhaltigkeit“ wurde am vergangenen Mittwoch vorgestellt und beschäftigt sich allem voran mit der Transformation der deutschen Volkswirtschaft hin zu einer klimafreundlichen und digitalen Wirtschaft sowie mit den weitreichenden Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Einkommen, Wachstum und Verteilung.
Auswirkungen der Corona-Pandemie
Die deutsche Volkswirtschaft befindet sich aktuell in einer Phase der Erholung. Für das laufende Jahr geht der Sachverständigenrat von einem Wirtschaftswachstum in Höhe von 2,7 Prozent aus. Für das kommende Jahr wird ein Plus von 4,6 Prozent erwartet.
Aufgrund der Corona-Pandemie kam es in nahezu allen Sektoren zu Liefer- und Kapazitätsengpässen, welche die globalen Wertschöpfungsketten nachhaltig beeinträchtigten. Bei wirtschaftlicher Erholung, jedoch gleichbleibenden Liefer- und Kapazitätsengpässen sowie stark steigenden oder gestiegenen Erzeugerpreisen stehen Unternehmen sowie Bürgerinnen und Bürgern steigenden Verbraucherpreisen (Inflation) gegenüber. Die Expertinnen und Experten erwarten jedoch, dass sich diese Preisentwicklung im kommenden Jahr normalisieren wird und begründen dies mit dem Wegfall von statistischen Sonderfällen und dem fortschreitenden Hochfahren von Produktions- und Lieferkapazitäten.
Aufgrund der umfangreichen staatlichen Interventionen, wie etwa der Kurzarbeit, zeigt sich der Arbeitsmarkt relativ stabil, wenngleich es innerhalb der Sektoren und einzelnen Branchen teils hohe Fluktuationen gibt. Während es zu Beginn des Jahres noch ein Überangebot an Arbeitskraft gab, stieg die Erwerbstätigkeit im Verlauf des Jahres wieder an. Der Arbeitskräftemangel, sprich die starke Zunahme der Anzahl an offener Stellen, deutet an, dass sich die Arbeitskraftnachfrage auf das Vorkrisenniveau normalisiert.
Der Dienstleistungssektor
Der Dienstleistungssektor, in dem das gewerbliche Geldspiel zu verorten ist, hat aufgrund der einschränkenden Maßnahmen im Zuge des Kampfes gegen die Corona-Pandemie einen starken Nachfrageeinbruch, bzw. kompletten Wegfall der Nachfrage, erlebt. Die staatlichen Hilfsmaßnahmen haben einen Großteil dieses Wegfalls kurzfristig aufgefangen, jedoch bestehen weiterhin pandemiebedingte Einschränkungen, wie z.B. Abstands- oder Zutrittsregeln für geimpfte, genesene oder getestete Personen sowie ein zurückhaltendes Konsumverhalten in der Bevölkerung, die eine betriebswirtschaftliche Herausforderung darstellen. Die sogenannten Nachholeffekte, also ein überdurchschnittliches Konsumverhalten nach Wiedereröffnung der Dienstleistungsbetriebe, blieben bis auf wenige Ausnahmen (bspw. Reisedienstleistungen) aus und werden aufgrund der unsicheren pandemischen Lage in der nächsten Zeit nicht eintreten.
Ausblick
Der Sachverständigenrat dämpft die Aussichten einer Erholung der Wirtschaft im Winterhalbjahr 2021/2022. Der Anstieg der Neuinfektionen mit dem Coronavirus und die damit verschärfenden Maßnahmen zur Einschränkung des Infektionsgeschehens werden aller Voraussicht nach zu einem Rückgang der gesamten Wirtschaftsleistung führen. Ein Aufwärtstrend wird erst ab dem Frühjahr 2022 erwartet.
Einordnung
Die Schließungsverfügungen für Spielhallen und weitreichenden Beschränkungen für gastronomische Betriebe haben zu Beginn des Jahres für einen nahezu kompletten Wegfall der Nachfrage des gewerblichen Geldspiels geführt und die Existenz tausender Betriebe und ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bedroht. Die umfangreichen staatlichen Hilfsmaßnahmen konnten einen Großteil des Wegfalls abfedern, gleichwohl die praktische Umsetzung mit IT-Problemen oder massiven zeitlichem Verzug und Stückelung der Auszahlungen realisiert wurde, was nur eine weitere betriebswirtschaftliche Belastung darstellte. Das aktuelle Pandemiegeschehen führt erneut zu einschränkenden Maßnahmen (2G-Regel in weiten Teilen Deutschlands für Spielhallen und gastronomische Betriebe verpflichtend).
Wichtig ist, dass die Politik die unterstützenden Hilfsmaßnahmen für Unternehmen solange aufrechterhält, wie auch die Einschränkungen aufrechterhalten werden. Zudem sollte die künftige Bundesregierung eine Normalisierungsstrategie erstellen, die einen Ausweg auf dem Dauerkreislauf von Öffnung und Einschränkung aufzeigt und sowohl den Unternehmen als auch der Bevölkerung eine Perspektive aus der Krise heraus bietet.
Die Gesamtausgabe sowie eine Kurzfassung aller wichtigen Ergebnisse des Sondergutachtens finden Sie auch hier.